Das Bettelweib von Locarno

Frei adaptiert nach der gleichnamigen Erzählung von Heinrich von Kleist (S3/4)

Am 14.04.2011 wurde im Forum unter großem Applaus eine recht experimentelle Adaption der Erzählung „Das Bettelweib von Locarno“ auf die Bühne gebracht. Es spielte der Theaterkurs des S3/4 (Spielleitung: F. Lampe).

Hier ein Auszug aus dem Programmheft:

Wer da?
Was erlaube Bettelweib?

Das Bettelweib Dies sind zumindest zwei entscheidende Fragen, die sich der Marchese, ein verarmter Adliger, mehrfach stellen wird. Die erste Frage, ein Zitat und immerhin die einzige wörtliche Rede in der Erzählung

Das Bettelweib von Locarno von Heinrich von Kleist (1777-1811), der Vorlage für dieses Stück, ist vermutlich leicht zu beantworten:

Das Bettelweib ist da, wer sonst. Oder doch ein Geist, eine unbegreifliche Gestalt, ein gespensterartiges Geschöpf, ein seelenloses Wesen? Wer weiß. Wer da? Und überhaupt: Was erlaube Bettelweib? So zumindest formuliert es der Marchese, später ein an einen italienischen Fußballtrainer erinnernd, allerdings langhaarig und offensichtlich mehr und mehr dem Wahn verfallend.

Sie erlaubt sich, in Not und Armut, bei einem Schlosse am Fuße der Alpen bei Locarno, um Obdach zu bitten, sich auf den ihr zugewiesenen Platz zu setzen, später dann aber – vom Marchese aufgefordert – sich hinter den Ofen zu verfügen, mit der Krücke aber auf dem glatten Boden auszuglitschen und sich gefährlich zu verletzen; dergestalt, dass sie zwar noch mit unsäglicher Mühe quer über das Zimmer geht, hinter dem Ofen ihrer Rückenverletzung aber letztlich erliegt. Und das mehrfach – zumindest in dieser Inszenierung, auch wenn es zuerst unübersichtlich erscheinen mag.

Mehrere Jahre später, als der Marchese einen Käufer für sein Schloss sucht, stellt sich heraus, dass etwas mit dem Zimmer nicht stimmt, in dem das Bettelweib Jahre zuvor gestorben ist: Es spukt – oder nicht? Der Marchese selbst möchte der Sache auf den Grund gehen…

Zumindest im Ansatz sind an einigen Stellen theatertheoretische Ideen nach Antonin Artauds sog. Theater der Grausamkeit erkennbar, die Sinne werden attackiert, der Wahnsinn steigert sich bis zum bitteren Ende. Damit gehen entrückte Bewegungen, schwerer Atem und Unerwartetes einher; dergestalt, dass man selbst der einnehmenden Verwirrung nicht mehr entkommt. Komik und Tragik, Wohlklang und Geschrei, Überfluss und Minimalistisches vermischen sich zu einem Theaterstück, das die Sinne aufmischt. Wie häufig und auf welche Art und Weise erliegt das Bettelweib seiner tödlichen Rückenverletzung? Gibt es plötzlich mehrere Bettelweiber, oder ist auch das schon eine Wahnvorstellung? Spielt uns der Verstand einen Streich? Wer da?

(Text von L. Pankow, C. Schirin)